|
Die Binnenschifferin Fluter Ausgabe: Mobilität 1.6.2005 www.fluter.de Ein Interview |
||||
|
|
Karin Scheubner steht am Steuer eines Gütermotorenschiffes mit 105 Meter Länge, 9,50 Meter Breite und einer Ladekapazität von 2.300 Tonnen. Die MS Jenny fasst die Ladung von circa 90 LKWs. Karin Scheubner ist auf den großen Flüssen Europas zu Hause: Rhein, Main, Donau, und immer weiter Richtung Osten. Gesprächsprotokoll über ein modernes Wanderleben: Entscheidend ist die Liebe zum Mann; für die Frauen ist meistens der Einstieg in die Schifffahrt nicht einfach. Mein Mann fährt dieses Schiff in der dritten Generation. Die Liebe zum Mann muss so groß sein, dass man diesen zunächst völlig anderen Alltag auf dem Schiff meistern lernt. Dann wächst man hier hinein: Beruf und Privatleben kann man nicht mehr trennen, die Arbeit haben wir immer vor Augen. Einmal Schiffer, immer Schiffer. Es gibt kaum Kompromisse. Wenn ich in unserem Haus bin, im Schnitt alle zehn bis vierzehn Tage - wir fahren die Donau und kommen an Würzburg, unserem Heimathafen, vorbei - dann sehe ich unsere große Familie. Das finde ich immer schön, aber auch anstrengend; ich muss ja dann viel auf einmal erledigen. Und ehrlich gesagt, mir fällt schnell die Decke auf den Kopf. Wenn ich auf dem Schiff aus dem Fenster schaue: Ununterbrochen ändert sich die Landschaft um einen herum. Entweder oder Ich fühle mich auf dem Schiff viel wohler, seit 27 Jahren ist das jetzt so. Am Anfang war´s ja nicht einfach. Ich habe einen Sohn aus erster Ehe, den musste ich mit seinen acht Jahren ins Schifferkinderheim geben, mit acht Jahren. Das tat weh. Man kann nicht ein bisschen aussteigen und wieder einsteigen, entweder oder. Man ist einfach mit drin. Gut, es gibt eine gewisse Romantik - aber auch ganz knallharten Alltag. Ständig passiert etwas Neues und wir müssen improvisieren: irgendwo hinfahren, wo wir noch nicht waren; ganz je nachdem, was für Order kommen von der Reederei. Langweilig wird es nie. Gerade in den großen Häfen sind die Binnenschiffe die Kleinen und müssen den Großen Platz machen; die Seeschifffahrt hat sowieso immer Vorrang. Das ist Stress: Wir sollen dann und dann laden, und auf einmal ist der Kranbetrieb nicht in Ordnung. Oder die Ladung ist nicht da - aber wir müssen immer Präsenz zeigen. Oder es ist Sturm in Holland, dann geht nichts mehr, nur noch Warten. Beim Ein- und Ausladen, da werden wir oft sehr schmutzig, da kannst du kein Fenster aufmachen, wir müssen das ganze Schiff abwaschen, die Wohnung komplett reinigen. Das passiert, wenn man Erz oder Kohle geladen hat. Die Frachtraten, das ist Termingeschäft, da gibt es viel Konkurrenzkampf: Holland und Belgien gegen Deutschland, und im Kommen sind auch die Ostblockstaaten. Auf Dauer wird sich der Bessere behaupten. Der Osten kann auch nicht ewig auf niedrigem Preisniveau bleiben. Der Kunde nimmt vielleicht einmal den Rumänen, der billiger ist, aber nicht unbedingt zuverlässig. Ob Ost oder West, wir haben die gleichen Probleme. Alltägliche Romantik Wir arbeiten in der Regel von 6 Uhr bis 22 Uhr. Dann suchen wir uns einen Liegeplatz oder gehen vor Anker, dann ist Feierabend. Lesen. Manchmal haben wir unfreiwillig ganze Tage frei. Dann verdienen wir zwar nichts, dafür schauen wir uns aber die Städte an, in denen wir liegen. Ach ja, die Romantik: Wir freuen uns an jedem Sonnenaufgang! Gerade jetzt im Frühjahr, wenn man beobachten kann, wie sich die Landschaft verändert, ist es besonders schön. Mitten im Fluss hat man ja eine Perspektive, die so keiner sieht. Diese Ruhe, wenn das Wasser schön glatt und rotgold daliegt. Das sind unsere Augenweiden. Es tut der Seele gut. Rau geht es zum Teil zu in den Häfen, das musst du einfach überhören. Oder das Personal sieht manchmal auch ziemlich wild aus: Unser Bruno, der Matrose, ist am ganzen Körper tätowiert. Er ist eine Seele von Mensch, aber anfangs dachte ich: "Der kommt nicht auf unser Schiff." Freundschaften muss man sehr bewusst pflegen. Dank Internet und Mobiltelefon ist das viel einfacher. Ich mache jeden Tag ein Bild mit der Webcam, das stelle ich ins Netz. Früher hat man doch wochenlang nichts voneinander erfahren. Vorurteile In der Binnenschifffahrt gibt es ungefähr 1.200 Familienbetriebe. 90 Prozent der Bahngütermenge kann per Schiff transportiert werden. Wir haben keine Lobby, das Verständnis fehlt und es gibt immer noch viele Vorurteile. Immer noch erleben wir viele soziale Ungerechtigkeiten: Binnenschiffer gelten oft als Zigeuner, als Nichtsesshafte. Unser Image ist eher schlecht. Den Vorwurf “asozial“ hören wir immer wieder mal. Wenn wir sonntags an einer Schleuse liegen, schauen Spaziergänger neugierig in die Fenster. Auf der einen Seite amüsiert mich das und ich frage: "Möchten Sie nicht reinkommen?" "Nein danke, wir haben schon alles gesehen. Oh, Sie haben ja einen Computer, was machen Sie denn damit?", heißt es dann. Oder wir werden öfters gefragt, ob wir eine Toilette an Bord haben. Scheinbar denken die Leute, wir machen über Bord. "Natürlich nicht", sagen wir dann spaßeshalber, "wir sind doch Rheinschiffer." Als ich im letzten Jahr einen neuen Reisepass beantragt habe, fragte die Behördenangestellte: "Wohin sollen wir das denn schicken? Haben Sie etwa einen festen Wohnsitz?" Von den männlichen Kollegen müssen sich die Frauen manchmal Sprüche anhören: Genau wie an Land denken immer noch viele, Frauen seien zuständig für die drei Ks. Inzwischen haben sehr viele Frauen das Kapitänspatent; einfach aus dem Grund, weil Personal knapp ist und gespart werden muss. Das haben die Männer inzwischen akzeptiert. Ich habe 1987 bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Würzburg das Rheinschifferpatent gemacht. Der Prüfer fragte mich: "Meinen Sie nicht, dass Sie besser Kuchen backen können?" Ich hab' ja richtig büffeln müssen, die Männer konnten das ja alle von klein auf, die sind ja auf dem Schiff großgeworden. Ich habe mit Abstand als Beste abgeschnitten. Und Kuchen backen kann ich auch. © Silke Kettelhake |
|||
