Berufung: Cutter/in

Fluter 26.7.2004
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Ohne Schnitt kein Film
Ein Interview



Foto © Ole Brömme

Meist sitzen sie nächtelang in dunklen, engen Räumen vor flimmernden Monitoren: die Cutter/innen. Bleichgesichtig, mit Bauch und Brille - da wenig Bewegung, wenig Frischluft und wenig Augenentspannung? Nicht unbedingt, doch eins muss man mitbringen: Genauigkeit. Gefühl fürs Timing. Gute Teamfähigkeit.

Schauspieler/innen und Regisseur/innen stehen in der "Gala" - die Cutter prämierter Filme kennt kaum jemand. Tatsächlich ist der Schneideraum ein geheimer Ort, abseits des möchtegern-glamourösen Filmbusiness. Hier beginnt der Film als Film zu leben, hier wird er das erste Mal aufgeführt. Im Schneideraum kommt die Wahrheit auf den Tisch. Was fehlt? Was wurde wie fotografiert und inszeniert? Für die Regie und die Cutter/In ist der Schnitt manchmal ähnlich aufregend wie für Chefärzte eine komplizierte Operation.

Einsam sind Cutter/innen selten: Ob Werbung, Musikclips, aktuelle Berichte, Fernsehfeature oder Kino-Film - immer steht die Rücksprache mit der Regie mit an erster Stelle. Wie übersetzt man ein Drehbuch oder das Kurzszenario einer Werbung, eines Musikclips am besten? Welche der oft vielschichtigen Möglichkeiten zu schneiden wird die erwünschte Wirkung haben?

Hexenküche Schnittraum

Regie und Schnitt denken zusammen, probieren aus: Die Bilder beginnen zu laufen, die Schnipsel bekommen einen Sinn, ein Film - ob kurz oder lang - entsteht. Der Witz ist umzingelt, der Lacher kommt, die Spannung steigt und der Thriller wird wirklich zum Thriller. Rhythmus und Fluss sind das A und O der jeweiligen Filmsprache, egal ob nun "klassisch" kontinuierlich geschnitten wird, die Schnitte also möglichst nicht vom Zuschauer wahrgenommen werden, oder ob mithilfe des Schnitts Sichtweisen aufgebrochen werden sollen. Cutter müssen die Dramaturgie einer Filmform erfassen können und in Dimensionen aus Bildern und Tönen zu einer eigenständigen ästhetischen Komposition zusammenfügen. Möglich ist dies nur je nach Ausgangslage sprich nach den tatsächlich vorhandenen Bildern: Der Showdown mit Schusswechsel im Western wird meist als "Shot-Reverse-Shot" gedreht, also werden sie auch entsprechend geschnitten. Zaubern kann der Schnitt wiederum mit einem "Match-Cut": Überleitend durch eine Bewegung oder einen Gegenstand werden Zeit und Raum verlassen. Eins der berühmtesten Beispiele ist der fliegende Knochen aus der Eingangssequenz von Kubricks "2001: A Space Odyssee", der scheinbar unmerklich in der fliegenden Abwärtsbewegung zum gleichförmigen Raumschiff mutiert. Im Gegenteil zum "Match-Cut" lädt der so genannte "Jump-Cut" den Zuschauer ein mitzuspringen: Die Kamera scheint sich nicht um Handlungsachsen zu kümmern, der Schnitt ist überdeutlich ein Schnitt und setzt so eine inhaltliche wie formale Trennungslinie zwischen den jeweiligen Sequenzen.

Die Bilder im Kopf

Ein einfaches Stilmittel versetzte Ende der 20er-Jahre das Publikum in Entsetzen und Aufruhr: der kleine Zwischenschnitt in Bunuels surrealem Meisterwerk "Un chien andalou". Ein Mann steht rauchend am Fenster, ein Rasiermesser in der Hand. Zwischenschnitt: Nachthimmel. Dann nähert sich das Rasiermesser den schönen Augen einer schönen Frau. Zwischenschnitt: Nachthimmel. Und in einer Detailaufnahme zerschneidet das Rasiermesser ein Auge. Bunuel zeigt nicht einen Angriff auf ein Auge. Während des Anblicks des harmlosen Nachthimmels setzen sich im Kopf des Zuschauers die Bilder zum Horror zusammen. Dass es sich hier um ein Katzenauge handelte, darüber breitete der Meisterregisseur das Mäntelchen des Schweigens. Wie im Traum montiert unser Gehirn die gezeigten Bilder. Doch der Cutter manipuliert - bewusst.

Filme schneiden wie auch drehen ist inzwischen mittels der digitalen Weiterentwicklungen einfach zu Hause zu machen. Und die wenigsten professionellen Cutter/innen schneiden noch das Zelluloid am Schneidetisch: Kleben, Auftrennen, Kleben, während die Assistenz die vorbereiteten Einstellungen anreicht. Seit Mitte der 90er-Jahre haben die Schnittcomputer die Montage revolutionär beschleunigt - ob sie sie verbessert haben, mag dahingestellt sein. Ein Mausklick ersetzt nicht das Denken über den Film.

Der Schnittmeister und sein Nähkästchen

Walter Murch, einer der großen amerikanischen Cutter, sagte über den jahrelangen Schnitt an "Apocalypse Now" in seinem Buch "In the Blink of an Eye. A Perspective on Film Editing": "Auf jede Schnittstelle im fertig gestellten Film kamen fünfzehn 'unsichtbare Schnittstellen'. Schnittstellen, die man gemacht hat, über die man nachgedacht hat, die man dann rückgängig gemacht oder getilgt hat. Aber selbst wenn man das mit reinrechnet, hat man die verbleibenden 11 Stunden und 58 Minuten eines Arbeitstags mit Tätigkeiten verbracht, die auf verschiedene Weise dazu dienten, den zukünftigen Weg zu klären und auszuleuchten: Filmsichtungen, Diskussionen, Materialumspulen, erneute Sichtungen, Besprechungen, Verzeichnisse anlegen, Material raussuchen, Notizen machen, Buchführen und eine Menge klärender Erwägungen. Ein riesiger Berg aus Vorbereitungen, um gerade einmal am Punkt der alles entscheidenden Aktion anzukommen: beim Setzen eines Schnitts, beim Moment des Übergangs von einer Einstellung zur nächsten."

© Silke Kettelhake


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