|
Deutsch gepoppt?
Fluter 30.9.2004 www.fluter.de Diskussion um die Radio-Quote Ein Interview |
||||
|
|
Fast hätte der christliche Rapper Xavier Naidoo geweint auf dem Podium. Mit belegter Stimme erklärte er auf der Pressekonferenz "Quote für Musik aus Deutschland", die Deutschen hätten zurzeit so viele wirtschaftliche Sorgen - und Lieder sollten da doch Trost spenden können. Aber Ach und Krach, immer diese englischen Texte, die die meisten Radiohörer ja doch nicht verstehen können. Umkehrschluss: mehr deutschsprachige Lieder in den Äther blasen, dann klappt das auch mit dem Trost und dem Aufschwung. Für Udo Lindenberg, Deutschrocker ohne Plattenvertrag - die BMG hat ihn gerade gefeuert - kommt die von angeblich über 500 deutschen Musikern unterschriebene Kampagne gerade recht. Denn ordentlich Medienrummel verspricht die Aktion, die unter den Fittichen der Grünen-Kulturpolitikerin Antje Vollmer steht. (Vollmer: "Ich selbst bin viel im Auto unterwegs und kann das Radio nicht mehr ertragen.") Von Deutschtümelei ist da die Rede, von Machtmissbrauch der Medien, von Globalisierung und Gleichschaltung. 600 deutschlandweiten Radiosendern sollen gerade mal sechs "deutschstämmige" Musik spielen. Deutschland rocken Deshalb fährt die deutsche Popmusik jetzt vermeintlich härtere Geschütze auf: Anhörung im Bundestag. Eine Enquetekommission aus Vertretern von Kultur und Medien wurde eilig gegründet, um dem beinahe achtjährigen Vorschlag endlich auf die Beine zu verhelfen: Im Saal viele Lederwestenträger, die sich um die Brummbären Klaus Lage und Heinz Rudolf Kunze drängeln. Aus der Ecke im Publikum dann der erste Diskussionsbeitrag: "Die Hälfte der Zeitungen wird doch auch nicht in Englisch gedruckt!" Jawoll. Auf dem Podium stellt der Moderator fest: "Man muss sagen, dass es weltweit kein Land gibt, das seinen eigenen Musikanteil in den Medien so weit verkommen lässt wie Deutschland." Ganz unten ist unser Land also mal wieder angekommen. Auch ein deutscher Superstar meldet sich zu Wort. Yvonne Catterfeld, 25, findet es ganz wichtig, dass Künstler richtig aufgebaut und nicht einfach verheizt werden: "Wir brauchen nicht nur eine nationale Musikkultur, sondern auch Stars. Und damit meine ich Stars im ursprünglichen Sinne." Opportunismus light Ein Star der anderen Art, der Sing-a-Song-Writer Maximilian Hecker, 27, heute noch stolz auf seine Zeit als Berliner Straßenmusiker, findet seinen Namen auf der Aufrufliste zwischen den Scorpions, Silly und Klaus Hoffmann wieder. Kann denn da ein Independent-Label-Vertreter, Hecker ist vertreten bei Kitty-yo, noch in den Spiegel gucken? "Ich will unabhängig bleiben, kein neuer Grönemeyer werden - ich will ein zweiter John Lennon werden!", erklärt Hecker, "Ich sehe das in meinem Fall ganz egoistisch und denke, dass meine Lieder dann öfter gespielt werden." "Hab ein Lied auf den Lippen: Dann hast du Mut und alles wird gut", heißt ein Satz, der wohl noch in zigtausend Poesiealben steht. Egal ob das Lied nun deutschsprachig ist und der oder die Sängerin in Deutschland Steuergelder abführt: Über Geschmack lässt sich streiten, letztlich entscheidet das Publikum. Im Hinblick auf moderne Entwicklungen wie digitales Radio wirkt der Versuch, eine Deutschmusikquote per Gesetz zu etablieren wie Gelsenkirchener Barock neben sexy futuristischen Raumfahrtsuiten. Auf der Anhörung im Bundestag zeigten sich die Politiker durchaus aufgeschlossen. Die Initiative sei richtig und sie könne wichtige Anstöße geben. So reden Politiker gerne, wenn sie eigentlich nichts zu entscheiden haben. Denn eine Quote im Radio kann nur jedes einzelne Bundesland einführen: Der Rundfunk ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Von den Landesmedienanstalten hat man noch nichts über eine Quote gehört. Und so wird von der ganzen Initiative in ein paar Tagen wohl vielleicht niemand mehr sprechen, denn: "Life is Life!" © Silke Kettelhake |
|||
