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Fit fürs Leben Fluter 1.4.2004 www.fluter.de Wenn die letzte Chance zur ersten wird |
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Fast 35.000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr in Deutschland keine Lehrstelle gefunden. In Berlin waren im Februar 2004 noch genau 10.536 der 57.694 Auszubildenden ohne Lehrstelle. An diesem Schicksal sind die 72 Jungen und Mädchen im Werkhof Zehlendorf knapp vorbeigeschrammt. In Zeiten, in denen ein Hauptschulabschluss oft nichts mehr wert ist, weil das Abitur die Voraussetzung für eine Kosmetikerinnenausbildung bedeutet, hatten die Leute im Werkhof Zehlendorf Glück: Kein Schulabschluss heißt eigentlich keine Aussicht auf gar nichts. Im Werkhof Zehlendorf kann man nicht nur den Schulabschluss nachholen. Abschließend erlernen die Jungen und Mädchen die Berufe "Zimmermann", "Maurer", "Stuckateur" und "Koch". Arbeit und Pünktlichkeit stehen auf dem Tagesplan ganz oben. "Zu spät kommen, das ist nicht drin. Wir spielen hier nicht!", stellt der ausbildende Koch Reinhold Tischler klar. Am Herd steht Thorsten aus den Hellersdorfer Plattenbauten mit Skinheadfrisur, neben ihm der türkisch-stämmige Ilhan aus Kreuzberg. Irgendwas musste passieren Beide sind 18 Jahre alt, beide sind Schulabbrecher, beide stammen aus Sozialhilfefamilien und beide haben ihre Erfahrungen mit Drogen gemacht. Es ist mittags, die Küche läuft auf Hochtouren. Die sechs Lehrlinge kommen ganz schön ins Schwitzen, überall zischt und raucht es. "Wir haben hier eine hohe Produktivität", berichtet Tischler. Den Jungen gefällt das. Nachdem sich Ilhan über ein Jahr im Zeitungsladen seines Onkels gelangweilt hatte, musste irgendwann etwas passieren. Kiffen, abhängen, Schulden, für Ilhan ging es immer nur bergab. Koch ist zwar nicht sein Traumberuf und er hat weniger Geld auf dem Konto, als er es mit der Sozialhilfe hätte. Doch er sieht jetzt eine Perspektive, findet Ilhan. Dafür hat er gekämpft: Nach vielen mühsamen Anläufen beim Jugendamt und beim Arbeitsamt wurde endlich seine dreijährige Ausbildung beim Werkhof Zehlendorf genehmigt. Dahin gehen, wo Arbeit ist Jetzt ist er im ersten Lehrjahr, jeden Morgen steht er um 5.30 auf, um 5.50 verlässt er das Haus. Ilhan ist ziemlich froh, der einzige Türke hier in der Lehrwerkstatt zu sein, damit lässt er seinen Alltag ein gutes Stück hinter sich. "Um sieben fangen wir an", berichtet Ilhan von seinem Tagesablauf, "dann gibt es erstmal ein Gespräch, was heute so ansteht, um neun ist Frühstückspause, bis halb eins wieder Schicht, da wird das Kochen dann stressig. Unser Essen geht hauptsächlich an die anderen Auszubildenden auf den Baustellen, und hier haben wir ein kleines Restaurant."
Alles, was man nicht machen sollte Jeden Tag paukt Ilhan Küchenfranzösisch: pochieren, farcieren, garnieren. Jeden Tag Vorsuppe, Hauptspeise, Salat und Nachtisch. Reinhold Tischler ist mit seinen Azubis zufrieden: "Wenn jemand weiß, dass es weiter geht, dann ist die Motivation morgens aufzustehen natürlich größer." Für den Werkhofleiter Merk ist die Arbeit der Köche auch deshalb so wichtig, weil sie die anderen Azubis versorgen. Viele auf den Baustellen würden sich nämlich sonst kein Essen kaufen und irgendwann einfach umklappen. "Die meisten können mit Geld nicht umgehen", erklärt Leiter Merk. Der Dispo ist das größte Problem, der ist bei fast allen voll ausgereizt. Eine Schrankwand auf Raten gekauft, beim Schwarzfahren erwischt, nicht gezahlt und die Strafe steigt auf bis zu 500 Euro. "Alles, was man nicht machen sollte, das machen die knallhart." Aber auch dafür gibt es beim Werkhof eine Lösung. Eine professionelle Schuldnerberatung hilft, die finanzielle Abwärtsspirale zu verlassen. Das ist nicht immer leicht durchzuhalten, wenn die Freunde abhängen oder dealen. Schwer, dann zu sagen, ich gehe da nicht mehr mit. Man muss sich entscheiden. Ilhan hat sich entschieden. © Silke Kettelhake |
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