Frei zu gehen
Illegale in Deutschland

Fluter 1.7.2005
fluter.de

Du hast Angst. Immer. Angst auf der Arbeit, du hast Angst, überhaupt herumzulaufen.
Schwarz fahre ich nie.

Unter den vielen Wartenden auf dem S-Bahnsteig sticht sie sofort ins Auge. Die anderen lärmen, drücken Zigaretten aus, sind ungeduldig. Das ist sie. Anna. Schmal und blass steht sie da, als wäre sie am liebsten unsichtbar. Die dunklen Haare altmodisch hochgesteckt, ein buntes Sommerkleid, das irgendwie sozialistischen Charme verstreut, flache Schuhe, die Hacken schief. "Du hast Angst. Immer. Angst auf der Arbeit, du hast Angst, überhaupt herumzulaufen. Schwarz fahre ich nie. Das Allerschlimmste wäre, wenn ich jetzt zurück nach Hause geschickt werde und ich hab` kein Geld gespart", sagt Anna W. aus Rumänien. Sie zupft an ihrem bunten Sommerkleid. Gelernt hat sie Elektromechanikerin, damals in Mehala, einem Stadtteil von Temesvar. Anna ist eine von vielen, die in Deutschland arbeiten, leben, lieben, Kinder kriegen, krank werden - illegal. Nach Paragraph 92 des Ausländergesetzes kann eine unerlaubte Einreise mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Oder Anna landet im Abschiebegewahrsam. Bis alle Papiere beisammen sind, kann das bis zu 18 Monate dauern. Ein teures Hotel: Ein Tag in der Abschiebehaft kostet 60 Euro. Vor nochmaliger Einreise nach Deutschland muss diese Rechnung, plus die Kosten des Transports in die alte Heimat, beglichen sein. Die Ausweisung, das ist der tägliche Horror, mit dem versucht Anna seit acht Jahren in Berlin zu leben. Manchmal spielt sie mit dem Gedanken, sich einfach wie damals in den Bus zu setzen und loszufahren. Zurück nach Hause. Doch schon im Warteraum der rumänischen Botschaft packte sie die Panik: Mit dem Geruch der Reinigungsmittel kam der Geruch nach damals, nach Bürokratie und Willkür; als würde Osteuropa mitten in der deutschen Hauptstadt anfangen.

Unfrei in der Freiheit

Oft sehnt sie sich nach ihrer Familie, nach ihren Freundinnen. Sehnsucht nach einem Leben, das so weit zurück liegt, als wäre es nie gewesen. Auf den Straßen Berlins fühlt sie sich unwohl. Von ihrem ersten selbst verdienten Geld kaufte sich Anna ein Fahrrad; die U-Bahn ist ihr zu teuer. Da war sie 21 Jahre alt. Die Nerven, um eine mögliche Verkehrskontrolle zu überstehen, hatte sie dann doch nicht. "Obwohl ich immer meinen Fahrradpass und die Rechnung dabei hatte", sagt sie. Ihre persönlichen Papiere sind längst abgelaufen. Anna erinnert sich, warum sie nach Deutschland gegangen ist: "Es war einfach so, viele sind gegangen. In Rumänien hatten wir keine Hoffnung mehr. Aus Berlin kann ich wenigstens ab und zu Geld schicken." Illegale arbeiten auf Baustellen, in der Kinder- oder Altenbetreuung, in privaten Haushalten, in Gaststätten. Geprägt sind diese Arbeitsverhältnisse von Rechtlosigkeit und Abhängigkeit. Anna arbeitet oft 16 bis 18 Stunden am Stück. Sie betreut einen 40-Jährigen, Multiple Sklerose im Endstadium. Den Sozialhilfeempfänger besucht zwar täglich ein Pflegedienst, aber das reicht nicht. Die Betreuung verlangt hohe Konzentration, der Kranke leidet unter epileptischen Anfällen, kann sich selbst verletzen.

Die, die keiner will, arbeiten dort, wo keiner will

In der Nacht muss er jede Stunde in eine andere Körperlage gebracht werden. Gelernt hat Anna den Job nicht. "Ich gebe mir mit ihm die größte Mühe. Es ist bestimmt nicht leicht, so krank zu sein. Pünktlich bin ich immer", sagt sie und lächelt in ihren zerschmolzenen Eisbecher. Sie weiß, dass er bald sterben wird. Deutsch hat sie sich mit der `Apotheker Rundschau` beigebracht. Als ihr Patient ins Krankenhaus musste, obwohl er lieber mit "seinen Kumpels saufen" wollte, lernte Anna "eine Omi" kennen. Sie erledigte den Haushalt, machte Grundreinigung in der verwahrlosten Mietswohnung, in der es stank, als wären seit dreißig Jahren die Fenster geschlossen. Über sechs Wochen vertröstete die "Omi" Anna mit dem ausgemachten Stundenlohn von vier Euro. Eines Tages machte "Omi" einfach nicht mehr die Tür auf. Anna musste ihr Geld abschreiben. Gegen die "Omi" hatte sie nichts in der Hand. Hinter Zeitungsannoncen, die eine Hilfe im Haushalt suchen, verbergen sich meistens Männer: "Die fragen, ob ich auch etwas anderes kann als nur Haushalt." Anna legt dann sofort wieder auf. Sie weiß, dass sie von Glück reden kann, nicht in der Zwangsprostitution gelandet zu sein.

Zahnweh? Bein gebrochen?

Krank werden darf sie nicht: "Auch wenn ich Grippe habe oder starke Menstruationsschmerzen, ich gehe arbeiten, ich muss", sagt sie. Schlimm war es, als ihre Mutter starb; tagelang konnte sie nicht aufhören zu weinen. Schlimm ist auch, wenn sie zum Arzt gehen muss. Vom Malteser Migrantendienst erfuhr sie per Zufall: Dreimal die Woche ist Sprechstunde bei der Ärztin des Migrantendienst, jedes Mal ist das Wartezimmer überfüllt. Hier wird anonym behandelt, ohne Krankenschein. Menschen unterschiedlichster Nationen stehen bis in die Flure. Gesprochen wird kaum. Die meisten leben illegal in Deutschland. Die leitende Ärztin, Dr. Adelheid Franz, ist eine Überzeugungstäterin; sie hilft, wo sie kann: "Illegale hat es zu allen Zeiten überall gegeben und wird es weiterhin geben. Eigentlich müssten sie unsere liebsten Zuwanderer sein: Sie lernen schnell die deutsche Sprache, kosten uns damit kein Geld. Teilweise sind sie sehr qualifiziert. Doch die Menschen müssen in ihren Ländern eine Perspektive haben."

Schicksal illegal?

Bertold Brecht schrieb einmal über Pässe: "Der Pass ist der edelste Teil des Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird." Anna hofft, dass mit dem EU-Beitritt Rumäniens im übernächsten Jahr alles anders wird.

www.proasyl.de
Menschenrechtsorganisation für Flüchtlinge

www.amnesty.de
Die Website der bekanntesten Menschenrechtsorganisation

www.bundesfachverband-umf.de
Website der Inititative für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge 

Für Hilfesuchende beim Malteser Migrantendienst
Die medizinische Beratungsstelle MMM befindet sich in der Aachenerstr. 12, 10713 Berlin-Wilmersdorf, Tel.: (030) 82 72 26 00, E-Mail: MMMedizin@aol.com
(Fahrverbindung: U- und S-Bahn Heidelberger Platz; Bus 101 Paretzer Str., 248 Brabanter Platz)
Geöffnet ist dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 15 Uhr.

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