Ganz normal rechtsradikal

Fluter 7.6.2005
www.fluter.de

Deutscher Mainstream



Foto: "Kombat Sechzehn"
© Credo-Film

Pausenklingeln auf einem Schulhof in Frankfurt an der Oder. Bei den Jungs dominieren kurze Haare. Man trägt Markenkleidung: Lonsdale, Masterrace, Pit Bull. Und zwar fast alle. Der Mainstream ist rechts. Eine Szene aus "Kombat Sechzehn", dem Debütfilm von Mirko Borscht. Eine Szene, wie es sie jeden Vormittag in vielen Schulen in Ost und West gibt. Ein derartiges Outfit kann, muss aber nicht für rechte Gesinnung stehen. Denn der Rechtslook ist im Mainstream angekommen - oder der Mainstream ist der Rechtsruck. Ein Phänomen, das der Publizist Richard Herzinger als "radikale Normalität" bezeichnet hat: Wo es früher mal eine Mitte gab, da ist heute das Radikale - das allerdings gar nicht als radikal wahrgenommen wird, denn das Radikale ist die Mitte.

Auferstanden aus Runen

Viele, die sich zurzeit sichtbar als rechtsorientiert outen wollen, tragen Marken rechtsextremer Versandfirmen oder Druckmotive, Abzeichen und Aufnäher mit szene-internem klaren Code. Martialisches oder militaristisches Auftreten ist kein Must mehr. Es geht dezenter, wie die Runen der Vertriebsfirma "Thor Steinar" beweisen, die auch vor einst verpöntem "angloamerikanischen" Teufelszeug nicht zurückschreckt und ihre "nordischen" Symbole auf Basecaps plaziert.

Rechts bis auf die Unterhose

Beim "Wikingerversand" können schwarze Boxershorts mit der 88 im Eichenlaubkranz bestellt werden. Zweimal der achte Buchstabe des Alphabets hintereinander: HH. Heil Hitler. Babylatze mit düster blickenden Wikingerkopf, T-Shirts mit der Aufschrift "Kleiner Germane", Streitaxt schwarz, Morgenstern Plüsch: Der "Wikingerversand" beweist ganz nebenbei, dass die alte Rechnung "Rechts ist gleich Kitsch" immer noch aufgeht.

Dass rechte Hassideologie bereits in die Alltagssprache eingedrungen ist, zeigt eine Episode aus Thüringen. Bei der dortigen Opferberatung "Mobit" meldete sich eine Mutter: Das angesagte Schimpfwort im Kindergarten sei jetzt "Rabbi". Wie dem Dreijährigen klarmachen, dass mit "Rabbi" ein jüdischer Geistlicher gemeint ist – wenn das doch jetzt gerade alle sagen? Rechtssein, also die normale Form der Jugendkultur? Klaus Wahl vom Deutschen Jugendinstitut weist darauf hin, dass insbesondere männliche Jugendliche nicht plötzlich mit 17 Jahren vom rechten Bazillus befallen werden: "Soziale Persönlichkeitsbildung muss schon viel früher anfangen, mindestens in der Grundschule. Es beginnt auf der `harmloseren` Seite mit einer Gruppe von - vor allem jüngeren - Jugendlichen, die diffuse fremdenfeindliche Einstellungen haben und gelegentlich - oft unter Alkohol - zur Provokation von Erwachsenen mal Naziparolen brüllen. Die wissen oft noch nicht viel über Geschichte und Politik, aber sie haben die für Jugendliche nicht untypische Lust am Provozieren.“ Immer öfter wird aus der verbalen Provokation die kriminelle Tat.

Mordversuch

Zwischen August 2003 und Mai 2004 wurden mit zehn Brandanschlägen auf ausländische Imbisse und Restaurants im brandenburgischen Havelland die Existenzgrundlage der Betreiber vernichtet und deren Tod dabei in Kauf genommen. Die Täter wurden kürzlich verurteilt - Bildung einer terroristischen Vereinigung. Sie sind zwischen 14 und 18 Jahre alt und kommen aus bürgerlichen Verhältnissen. Obwohl das Gericht nicht eindeutig feststellen konnte, woher die "hochgradig kriminelle Energie und dumpfe Fremdenfeindlichkeit" der Jugendlichen rühre, so müsse doch in erster Linie in deren direktem Umfeld gesucht werden. Und vielleicht begann das, was schließlich beim Mordversuch endete im Kindergarten mit dem Schimpfwort "Rabbi" oder “Du Jude“.

Ein weiteres beunruhigendes Indiz sind die Wahlerfolge der Neonazis. Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt mit 9,2 Prozent für die NPD und in Brandenburg für die DVU mit 6,1 Prozent sprechen eine deutliche Sprache. Überalterung und mangelnde Bindungskraft im parlamentarisch orientierten Extremismus, das war einmal. Beispiel NPD: Entstanden als die Partei der ewig Gestrigen, gibt sie heute Skinheads und dumpfen Schlägern eine neue Perspektive: politische Arbeit, statt einfach nur Draufhauen. Wichtigstes Integrationsmittel: Musik. Udo Voigt, Vorsitzender der NPD: "Die Musik transportiert Meinung, Musik transportiert Kultur, ein Zugehörigkeitsgefühl, das ist für uns ein wichtiges Bindeglied zur Jugend. Weil, über Musik sprechen wir die Jugend an und sind dann in der Lage, wenn wir ihr Herz über die Musik geöffnet haben, ihnen auch unsere Ideen letztendlich schulisch beizubringen." Damit sind die Rechten Teil der vielbeklagten Spaßkultur: Konzerte von "nationalen Liedermachern" à la Frank Rennicke, Sonnwendfeiern, Wanderungen. Aber dann gehts eben auch konkret zur Sache: So veranstaltet die NPD Schulungen zu "Rhetorik" oder "Verhalten gegenüber der Polizei".

Deutsche Kameraden

Claudia Schmid, Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes: "Wir beobachten neuartige Aktionsformen und ein äußerlich verändertes Erscheinungsbild, wobei vielfach Formen der linksextremistischen Szene übernommen werden. Stark im Kommen sind auch die Kameradschaften, hier beobachten wir seit einigen Jahren eine Doppelstrategie: Nach außen wird das Bild von erlebnisorientierten, modernen lokal- und jugendpolitisch engagierten Aktivisten vermittelt, während gleichzeitig die Gewaltbereitschaft gegenüber politischen Gegnern und der Polizei zunimmt." Zunehmend greifen die Rechten auch zu PR-Aktionen: Zur "AktionSchulhof", der Verteilung von Nazi-CDs, hatten sich im letzten Jahr 56 Gruppen zusammengetan, vielfach aus der Kameradschaftsszene. Der Verfassungsschutz verfügte eine Beschlagnahmung. Im sächsischen Landestagswahlkampf verteilte die NPD wieder CDs. "Schnauze voll - Wahltag ist Zahltag" hieß das Machwerk mit rechten Balladen, White Noise und Wikingrock. Weiter ging´s im Februar im schleswig-holsteinischen Wahlkampf. Auf der diesmal in Umlauf gebrachten CD befanden sich auch Stücke des Neonazi-Sängers Michael Regener alias Lunikoff, der seit letztem Jahr Mitglied der NPD ist. Peter von der Born, ebenfalls NPD-Mitglied: "Die Lieder, die da drin sind, das sind Heimatlieder und damit versuchen wir an den jungen Menschen heranzukommen, dass er sich damit identifizieren kann, dass er sehen kann, es gibt da jemanden, der dieselbe Idee hat oder denselben Gedanken hat wie die Leute selber."

Heimatlieder? Eine Art deutscher Rock-Musikantenstadt?

Die Staatsanwaltschaft hatte für Regeners Band eine andere Bezeichnung parat: kriminelle Vereinigung. Mit Landser wurde erstmals in Deutschland eine Musikgruppe nach Paragraf 129a, einst geschaffen für die Terrortruppe RAF, verboten. Fast ein Jahrzehnt lang überschwemmten Regeners Landser den rechtsextremen Markt mit CDs, damals aus dem Untergrund. Auf der CD "Endlösung" preist Regener den Holocaust. Hier phantasiert er, wie er ein jüdisches Mädchen mordet: "Sarah, aus deinen Knochen hab ich so'n prima Gestell gebaut. Für'n Lampenschirm, und den dazu aus deiner herzlich zarten Haut ..." Dreieinhalb Jahre Freiheitsentzug stehen für Regener an, das Urteil ist endlich rechtskräftig. Der leitende Ermittler vom Landeskriminalamt Berlin: "Landser wird oft gehört, und Landser hat sehr direkte Botschaften. Bei Wohnungsdurchsuchungen finden wir oft noch die Musik im CD-Player und stellen fest: Das ist das, was die noch gehört haben, bevor sie losgegangen sind." Fragt sich dann nur, wohin und mit welcher Absicht "die" dann losgegangen sind.

© Silke Kettelhake


nach oben

zurück zur Übersicht