Prinzip Hoffnung
Geschichten aus Israel

Fluter 9.11.2004
fluter.de

Über Jerusalem weht seit Tagen der Hashim und kündigt den Winter an. Heiß und staubig liegt der Wüstenwind über der Stadt wie ein stickiges Tuch. Von Nordosten kommt er, dort, wo die Israelis an der Mauer bauen: Fast zweieinhalb Meter hoch wird die fertige Anlage sein, die Israel gegen palästinensische Terroristen schützen soll. Dreimal täglich dürfen die Palästinenser/innen nach eingehenden Kontrollen die Checkpoints an der Grenze passieren.



Burgerwerbung mit Einschusslöchern in Tel Aviv




Arbeitszimmer des Schuldirektors Dürr, Talitha Kumi




Pausenhof der Schule Talitha Kumi




Tel Aviv: Warten auf die nächste Bombe




In Tel Aviv: Hier wurde 1995 Premierminister Rabin ermordet




Langeweile an der Klagemauer: orthodoxe Juden am Shabbat




24 Stunden Schutz: die Wachmänner




Bild eines Selbstmordattentäters in Bethlehem




Ankommen in Bethlehem: Hier geht´s ins Flüchtlingslager




Alle Fotos © Silke Kettelhake

Vor vier Jahren begann in den palästinensischen Gebieten die zweite "Intifada". "Intifada" meint auf arabisch einfach "Abschütteln". In der Realität heißt das: tote Männer, Frauen und Kinder - auf beiden Seiten. Im Heiligen Land, das kleiner ist als das Bundesland Hessen, herrscht ein blutiger Ausnahmezustand; ein friedliches Zusammenleben scheint nicht möglich zu sein. Ohne Pause dreht sich der Kreislauf aus palästinensischen Attentaten und israelischen Vergeltungsmaßnahmen.

Kleine Schritte sind besser als keine

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, ein Beispiel: "Talitha Kumi", eine Schule in Beit Jala ein paar Kilometer vor Jerusalem im Westjordanland. Hier lernen 850 palästinensische Jungen und Mädchen aus Israel und aus Bedschallah bei Bethlehem zusammen. Der deutsche Direktor Georg Dürr sieht in seinem Schulprojekt einen Hoffnungsschimmer. Die 1851 von deutschen Diakonissen gegründete Talitha Kumi Schule wird vom Berliner Missionswerk unterstützt. 60 Prozent der Schüler/innen sind Christen, 40 Prozent sind Muslime.

Die Schule ist Teil des Erziehungswesens, das von den palästinensischen Autonomiebehörden verwaltet wird. "Dem anderen zuhören und ausreden lassen, das sind die ersten Schritte hin zu einer Demokratisierung", sagt Dürr, "das üben wir hier täglich." Dürr findet die Perspektivlosigkeit seiner Schüler/innen erschütternd: "Was soll´s, sagen die sich doch, wir können sowieso nicht raus, wozu soll ich mich anstrengen?" Die Arbeitslosigkeit in den palästinensischen Gebieten liege bei 50 bis 70 Prozent. "Wenn die Familie darum kämpfen muss, den nächsten Tag zu überleben, dann bleibt nicht mehr viel." Dürr befürchtet, dass in Palästina eine verlorene Generation heranwächst.

Ein Sender für beide Seiten

Jetzt erst recht, scheint sich auch Maysa Baransi-Siniora, eine 28-jährige Palästinenserin, zu sagen. Sie betreibt zusammen mit ihrem israelischen Co-Direktor Shimon Malka das Internet-Radio www.allforpeace.org mitten in Jerusalem, gleich neben der Knesset, dem israelischen Parlament. Maysa hat die Zuversicht nicht verloren, dass es ein "morgen" nach dem Ende des israelisch-palästinensischen Konflikts geben wird. Gesendet wird auf Arabisch, Hebräisch und Englisch: Bei "allforpeace" kommen alle an einen Tisch - mit den unterschiedlichsten Positionen.

Gespielt werden arabische, israelische und internationale Hits. Doch viel wichtiger ist das Erleben und Verarbeiten der permanenten gegenseitigen Bedrohung - für Israelis, Araber und Palästinenser gleichermaßen. Maysa und die anderen setzen auf Dialog. Zweimal in der Woche rufen Kinder und Jugendliche beim Radio an: "Warum darf ich nicht im Bus fahren?", fragen die israelischen Kinder. "Warum müssen wir unser Haus verlassen?", fragen die palästinensischen. Erfahrene Psycholog/innen geben Rat über "allforpeace".

"Wie soll ein Kind vergessen können, was es gesehen hat?", fragt Maysa, "Wenn die beste Freundin umkommt, wenn die Eltern mit ihrem Schmerz über den Verlust nicht fertig werden, wie soll es dann ein Kind schaffen?" Maysas Tochter geht jetzt in den Kindergarten - in einen israelisch-palästinensischen Kindergarten.

© fluter.de


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