Wenn ich darüber nachdenke ...
Mike und seine Zeit im Knast

Fluter 26.2.2007
fluter.de

"Auf der Straße vor dem Gefängnistor, da dreh´dich nicht um, das bringt Unglück", sagt Mike (Name geändert). Drei Jahre ist er jetzt draußen. In der Haft nahm er an einem pädagogischen Trainingsprogramm von "Violence Prevention Network e.V." teil. Heute arbeitet der 26-Jährige für eine Gebäudereinigungsfirma. Mit "seinen Jungs" probt er als Co-Trainer das Alltagsleben in der Freiheit, alle saßen wie Maik aufgrund einer rechtsradikal motivierten Straftat, alle sind sich einig: nie wieder in den Bau. Ein Protokoll.

Nachts um zwei kam ich in den Knast, U-Haft, das war ein ganz schön mulmiges Gefühl, die ganze Nacht allein in der Zelle. Das schlägt auf den Magen, ich hatte Durchfall; blass und wackelig war ich auf den Beinen. Man versucht, das Beste daraus zu machen. Böse Träume hatte ich eigentlich weniger. Auf Briefe von außen, auf die habe ich gewartet. Das dauert über drei Wochen, erst prüft das Gericht, denn aus den Briefen könnte sich etwas über die Straftat erschließen. Sieben Monate saß ich in U-Haft. Alles zog sich endlos; dann war das Urteil gesprochen. Schwer, das entgegenzunehmen. Es gab drei Mittäter, einer fuhr das Fluchtauto. Zwei Jahre saß ich im geschlossenen Vollzug, dann folgte ein Jahr im offenen. Eigentlich lag mein Strafmaß innerhalb der Jugendstrafe viel höher als dass ich hätte in den offenen Vollzug kommen können. Die Hafterleichterung ist begründet, man wird eingeschätzt von den Leitern, von den Psychologen, Personal, Arbeitskollegen. Ich habe nicht gebettelt, sondern bin gefragt worden, ob ich in den offenen möchte.

Verurteilt wurde ich aufgrund versuchten Mordes. In der Verhandlung wurde alles hochgespielt. Strafe, okay, damit habe ich gerechnet; aber dass sie so hoch sein würde, das habe ich nicht gedacht. Na ja, ich dachte, es war ja nur ein "versuchter" Mord … Vorher hatte ich mit dem Gericht nichts zu tun, das war schon ein Hammer. Gerecht? Was ist schon Gerechtigkeit? Im Endeffekt entscheidet das Gericht – gefordert wurde das Doppelte an Strafe. Die Hälfte habe ich bekommen, zur Tatzeit war ich gerade 19 Jahre alt.

Drinnen gehst du die Wände hoch

Ich hätte in Berufung gehen können; aber das wollte ich nicht. Alle anderen haben auch ihr Urteil angenommen. Die Berufung brauchte ein halbes Jahr und in dieser Zeit hätte ich keine Arbeitszuteilung bekommen. Und arbeiten willst du im Knast. 23 Stunden auf Zelle, eine Stunde im Gang, das ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ich habe einen Lehrgang gemacht, anderthalb Monate Holz, anderthalb Monate Metall; dafür gab's eine Auszeichnung.

Die Beziehung zu meiner Freundin habe ich nach dem Urteil aufgelöst. Mit diesem Strafmaß kann man nicht mehr sagen, ob es klappt oder nicht. Das macht doch keinen Sinn. Jeder lebt sein eigenes Leben. Und drinnen setzt man sich mehr mit den Taten auseinander als draußen. Wenn ich drüber nachdenke, ich müsste wieder rinn, das wäre nicht so mein Fall, nein. Passieren kann das doch jedem einmal, etwa bei einem Verkehrsunfall; aber so eine Schlägerei ist schon was anderes. Die Eltern haben zu mir gestanden, haben mich besucht. Mal Mama, mal der Papa, sie sind geschieden, mal kam der Bruder, der ist vier Jahre jünger.

Ich habe mir gesagt, du musst nach vorne schauen. Am ersten Tag in der Therapiesitzung, da war alles noch schwer vorstellbar. Doch schon da hat sich gezeigt: Alles ist freiwillig. Es gab Gruppensitzungen mit sieben oder acht Teilnehmern. Alle haben die Termine durchgezogen. War für mich eine gute Erfahrung, das hilft, die ganze Sache zu verarbeiten. Da drinnen ist es ja ganz anders als hier draußen in der Freiheit, drinnen gehst du die Wände hoch.

Auf die Auseinandersetzung mit der Tat war ich nicht gefasst, wusste nicht, was auf mich zukommt. Ob du nun oben in der Zelle sitzt und dir über die Tat 'nen Kopp machst – oder du sprichst mit Leuten, die dir helfen wollen und können: Das hat schon Vorteile, auf jeden Fall. Und aufarbeiten heißt: Die ganze Tat noch einmal durchgehen, sich in die Rolle des Opfers zu versetzen. An allzu viel konnte ich mich nicht erinnern, doch aus den Erinnerungen der Freunde ließ sich einiges nachstellen. Genug Alk, genug Drogen waren im Spiel; erst anpöbeln, dann zuschlagen. Das Opfer kannte ich nicht. Selbst Opfer war ich auch schon, na klar, zwar nicht so extrem, aber immerhin.

Bin ich rechtsextrem?

'Ne rechtsextreme Gesinnung hatte ich so eigentlich nicht; es war der Schnaps und ich habe mit den falschen Leuten 'rumgehangen. Bin ich rechts, wenn ich rechte Klamotten trage? Lonsdale etwa, der Vertrieb wirbt mit Farbigen, und hinter Fred Perry steckt ein jüdischer Tennisspieler. Thor Steinar, das sind doch Sportklamotten. Und: Die einen haben lange Haare und rote Schnürsenkel und die anderen tragen weiße und 'ne Glatze. Nicht jeder, der so aussieht, ist auch rechts; dann müssten auch Polizisten verhaftet werden, die eine Glatze tragen. Ich hatte immer schon kurze Haare. Jetzt sind sie ein bisschen länger, weil ich es einfach zeitlich nicht schaffe. Sonst sind es immer so drei Zentimeter. Das mag ich nicht, wenn die Haare über die Ohren wachsen.

Die eigene Meinung kann man im Endeffekt auch im Training nicht so drehen, dass bleibt jedem selbst überlassen, jeder sucht den eigenen Weg, den er gehen will. Es gibt ja auch genug ausländische Arbeitgeber: Entweder ich will bei dem arbeiten oder ich bleibe zu Hause. Natürlich ändert man ein bisschen was, wenn man will. Ich fühle mich nicht besser, weil ich ein Deutscher bin, die Japaner machen wunderbare PCs oder Handys; keiner ist besser als die anderen, das kann man nicht vergleichen. Ich fühle mich besser, wenn ich eine schöne große Firma habe, dann ja.

Je weniger geredet wird, desto besser

Als ich nach Hause kam, war's erst mal riesig, du konntest machen, was du wolltest. Spazierengehen mitten in der Nacht, das war schon was anderes. Ich habe mehr auf mich geachtet. Wenn du drinnen bist, dann hast du ja deine festen Zeiten. Gleich danach bin ich auf Arbeit gegangen. Zweieinhalb Monate im Straßenbau, dann war Winterpause.

Die Angst vorm Rückfall ist immer noch da. Am Anfang war es schon ein mulmiges Gefühl, wenn ich mit den Eltern Kaffee trinken gegangen bin. Nachdem ich ein halbes Jahr draußen war, interessierte sich keiner mehr dafür, das Abstandhalten ist weg. Heute treffe ich mich mit meinen Leuten, es sind so sechs, einmal die Woche zum Kartenspielen. Ich will auch nicht wissen, ob die etwas gemacht haben. Je weniger geredet wird, desto besser. Schwierig, wenn man aus dem Knast kommt, zurück ins Dorf und dann trotzdem nicht mitzugehen, wenn die anderen was planen. Ich habe zu meinen Kumpels gesagt, macht euren Dreck alleine. Lasst mich in Ruhe. Dann ist man eben außen vor.

Kontrollieren muss man sich immer, das fängt damit an, du hast einen Arbeitsplatz, stehste auf oder stehste nicht auf. Ich will schaffen, schaffen, schaffen, ich will vorankommen. Nicht alles schmeißen und wieder mit Straftaten anfangen. Man will nach vorne schauen.

Ich hatte Nachbetreuung, auch am Telefon, einmal im Monat traf ich den Trainer: Schon in Ordnung, über das, was man mit der Familie, mit der Freundin nicht bereden kann, sprechen zu können. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen, man hat ja schon monatelang zusammen gearbeitet. Meine Arbeit als Co-Trainer verstehe ich so: Du sprichst aus deinen Erfahrungen und versuchst den Jungs zu helfen, damit sie nicht im Knast landen. Eigentlich mach' ich nichts anderes als ein Trainer auch. Ein Ehrenamt ist das nicht, es wird bezahlt. Wenn einer in seiner Clique fertig gemacht wird, rufst du ihn an und gibst ihm ein besseres Gefühl. Dafür, dass er die Straftat nicht mitmacht. Entweder ich will was erreichen oder eben nicht. Neben dem Schichtdienst versuche ich, die 10. Klasse nachzumachen.

Wie es dem geht, dem Opfer, darüber mache ich mir eigentlich keinen Kopf. Keine Ahnung, den habe ich nur noch einmal im Gerichtssaal gesehen, ich weiß nichts von ihm."

www.violence-prevention-network.de und http://exit-deutschland.de
und www.jugendstiftung-civitas.org
Initiativen gegen Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern 

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