Leichtsinn und Hoffnung

Fluter 1.12.2004
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Weltaidstag 2004



Foto: "Kita Nestwärme"
© Silke Kettelhake

24 Kinder, der Kleinste ist gerade ein Jahr alt, die Älteste ist fünf, tollen durch den Wald. Ein Ausflug! Sieben der Kinder sind "gesund", heißt: Sie tragen nicht das tödliche HIV Virus in sich. Fühlen sich nicht krank, sind nicht so häufig unerklärlich schlapp und müde wie die anderen. "Viele der Kinder haben bei der Geburt schon einen Drogenentzug hinter sich.", sagt Andreas, einer der drei Erzieher, die alle ein Pflegekind in ihre Familien aufgenommen haben. Die meisten Kinder haben die Krankheit von ihrer Mutter geerbt. Was das eigentlich bedeutet, wissen die Kleinen nicht.

Michael Janda, freiberuflicher Informatiker, der vor zehn Jahren die Kita und den Verein "Nestwärme" gründete, sagt: "Vielleicht ist es besser so. Die Wut kommt. Mit den Jahren." Er betreut ehrenamtlich eine Gruppe infizierter Jugendlicher. Nach außen hin, wie die Nestwärmezwerge, eine ganz normale Gruppe. Doch was ist, wenn Geschlechtsverkehr mit der ersten Freundin oder dem ersten Freund ansteht?

Die Angst ist groß

Und was ist, wenn eines der Kinder sich verletzt und blutet? "Die Kinder passen aufeinander auf", sagt Janda. "Wenn irgendetwas ist, holen sie sofort die Erzieher." Kleine Kinder, kleine Probleme, große Kinder, große Probleme? "Auch nachdem die Kinder unseren Kindergarten verlassen haben, kümmern wir uns weiter um sie. Die Angst vor der Ausgrenzung ist bei den Jugendlichen unheimlich stark."

Die Kita ist auf den ersten Blick eine ganz normale Kita. Die Plätze sind begehrt, doch wenn die Eltern erfahren, dass positive Kinder hier spielen, dann, so Erzieher Andreas, der jeden Tag seine "gesunden" Zwillinge mitbringt, heißt es bei den moderat-modernen Eltern: "Toll, dass es sowas gibt, aber mein Kind lasse ich doch lieber nicht hier." Die Angst vor Ansteckung ist groß.

Die mit der Krankheit lebenden Familien finden oft keine Kindertagesstätten, die ihre Kinder aufnehmen. "Leider ist es auch heute noch fast unmöglich, ein HIV-positives Kind in einer regulären Kita unterzubringen", weiß Janda. Im März 1998 besuchte erstmals ein gesundes Kind die Kita. Aids und Aufklärung scheinen sich immer noch auszuschließen. Für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter ein altes Lied. Doch das Leid ist da. Und wächst, wie die Zahl der Neuinfektionen.

Nicht nur, dass in den schwulen Darkrooms Barebacking, also ungeschützter Sex, seit einigen Jahren der heiße Trend der Szene ist. Seit 1996, als die ersten antiviralen Medikamente auf den Markt kamen, wächst das fälschliche Vertrauen in eine endgültige medikamentöse Behandlung und der tödliche Leichtsinn. Frauen stecken sich viel leichter an als Männer. Laut den diesjährigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts infizierten sich 22,8 Prozent der heterosexuellen Frauen neu, dagegen verzeichnet der Prozentsatz bei männlichen Heterosexuellen eine Rate von 2,5.

Gleiche Startchancen?

Die Übertragungsrate des HIV Virus von Mutter zu Kind liegt in Europa bei 16 bis 19 Prozent. Heute ist es möglich, die Übertragung des Virus von der Mutter auf das Kind in der überwiegenden Zahl der Fälle zu verhindern. Voraussetzung: Die HIV-Infektion der Mutter muss bekannt sein. Dr. Cornelia Feiterna von der HIV Tagesklinik der Charité fordert: "Die meisten Frauen wissen nichts von ihrer Infektion. Hier tut Aufklärung Not: Wenn die Gynäkologen die Schwangere deutlich auf die Gefahr für ihr Kind und für sich hinweisen - dann können Leben gerettet werden."

Die HIV-Kindertagesklinik der Berliner Charité verzeichnet in diesem Jahr einen Anstieg der Geburten von HIV-infizierten Müttern von etwa 30 auf 50: "Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.", so Dr. Cornelia Feiterna. Sie ist überzeugt, dass infizierte Babies die gleichen Startchancen wie alle anderen haben. "Aufgrund der entscheidenden Fortschritte in der antiretroviralen Therapie ist die Langzeitprognose von perinatal HIV-infizierten Kindern jetzt günstiger als noch vor einigen Jahren."

Lange Warteliste

Was immer das auch bedeuten mag. Denn der Weg mit HIV führt bergab, ob langsam oder schneller hängt entscheidend vom Lebensmut der Einzelnen und nicht zuletzt von den Lebensbedingungen ab. Michael Janda ist seit sechs Jahren Pflegevater eines halbwüchsigen Jungen, dessen Mutter nicht mehr für ihn sorgen kann.

Nun will sein Verein eine neue größere Kita in Kreuzberg für die Kinder bauen. "Hier ist drinnen und draußen viel Platz. Und wir können endlich unsere lange Warteliste angehen". Der Freiberufler möchte keine Minute mit den Kindern vermissen: "Wenn ich erzähle, dass ich einen großen Teil meiner Zeit in eine ehrenamtliche Tätigkeit statt in bezahlte Arbeitszeit stecke, dann wundern sich viele. Aber 'Nestwärme' gibt meinem Leben eine Zufriedenheit, die ich sonst nie erreicht hätte."

© Silke Kettelhake


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