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Gesünder leben!
Fluter 8.12.2003 www.fluter.de Veganer, Nacktbader, Rohkostler |
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Zum Frühstück trank sie regelmäßig einen Liter Ochsenblut, dann ging´s an die Sprossenwand: Wohl bekomm´s. Immer enger und enger schnürte Sisi, die Kaiserin von Österreich (1837-98) und Heldin der "Sissi"-Filme mit Romy Schneider, die Fischgräten an ihrem engen Korsett. Selbstinszenierung und Schönheitskult kosteten ihren Preis: Hungerödeme und andere Mangelerscheinungen. Heute wäre Sissi wahrscheinlich wie Jane Fonda für ihre Fitnessvideos bekannt, in denen sie zugleich das Wunder ihrer Diäten predigt. Jane Fonda hat übrigens öffentlich bekannt, dass ihre Schlankheitsvideos der Reformbewegung Aerobic längst nicht so effektiv waren wie der Gang zum Klo. Kult, Kult, Kult Der Wahn hin zur einzig wahren Lebenshaltung ist ein alter Hut. Ob Seminaranbieter für Gleichgewicht von Mentalenergie, vegetarische Ernährungsweise, Kraft und Zukunftsgestaltung, ob Barfußläufer oder Rohkostfanatiker - den Versprechungen der Wunderheiler waren und sind kaum Grenzen gesetzt. Der Markt ist groß - und unübersichtlich. Nach jedem Strohhalm, der die eigenen Probleme zu lösen verspricht, wird gegriffen. Ab in den Ashram, hieß es in den 60er und 70er Jahren, dem Weg zur Liebe und zum "Selbst", in der ökologisch-spirituellen Dorfgemeinschaften Unterwäsche aus Schurwolle stricken und makrobiotische Riegel kauen - alles schon da gewesen, alles nicht neu. Dazu aus dem Archiv: Freie Liebe und Vegetabilismus Der Schriftsteller Hermann Hesse sehnte sich nicht nur in seinen Büchern wie "Siddharta" nach einer besseren, gerechteren Welt, er war auch strenger Anhänger des Vegetarismus: Im Tessin um den Monte Verita trafen sich zum Fin de Siècle des vorletzten Jahrhunderts Phantasten, Schwärmer, Prediger und Propheten in einer Kolonie für gesellschaftsmüde Naturmenschen. In Tunika gewandtes Aussteigertum und lange Bärte waren à la mode. Der Anthroposoph Rudolf Steiner, der Revolutionär Erich Mühsam, die Gräfin Reventlow, die Tänzerin Mary Wigman, die Dichter Else Lasker-Schüler, Stephan George und Klabund, der Maler Paul Klee gaben sich die Klinke in die Hand. Später kamen auch der Architekt Henri van de Velde und der Politiker Gustav Stresemann zur strengen Kur. Aus der manch einer ausbüxte, um sich an warmen Abenden zu den umliegenden Dörfern zu schleichen, denn hier gab es so verbotene Dinge wie gewürzte Salami, fetten Schafskäse und gute Tessiner Weine. Die Dörfler tolerierten die Langhaarigen und Nackten auf ihrem Berg-Idyll. Freie Körperkultur Anfang des 20. Jahrhunderts Jahre rissen sich auch erstmals Menschen die Kleider vom Leib - in der freien Natur. Um 1900 gab es schon den ersten Nacktbadeplatz bei Hamburg. Licht, Luft und Sonne propagierten die modernen Ärzte in den Sanatorien und rieten zu Wasserbädern - nackt versteht sich. Die "Nacktbewegung" war nur eine der vielen Reformbewegungen, die in der Weimarer Republik für Aufsehen sorgten. Damals zogen Jungs und Mädchen der Wandervogelbewegung nur mit der Gitarre um den Hals und sonst nichts durch die Wälder. Die Nazis vereinnahmten dann die Freikörperkultur in den "Kampfring des Nacktsports". Nicht mehr Lichtbäder standen an der Tagesordnung, sondern harter Drill zur Stählung des Volkskörpers. In den prüden Fünfziger Jahren fand man wieder zusammen - bis mit der Freien Liebe der Swinging Sixties die FKK Bewegung als komischer Nudistenverein belächelt wurde. Mit ihrer eher zarten Bebilderung gingen auch die Vereinszeitschriften unter. Die FKK-Zeitschriften zeigten im Vergleich zu den Pornozeitungen einfach zu wenig. In der DDR dagegen war FKK eine Nische, die bewusst von der Obrigkeit geduldet wurde. Hier war der wilde Osten nackt unter sich. Auch im Winter. Dann mutierten viele Nacktbader zu Nudisten, die ihre Lebenshaltung auch in ihren Wohnungen vertraten. Eine freie ungezwungene Kultur sollte schließlich nicht von der Jahreszeit abhängig sein. In diesem Jahr übrigens feierte die FKK Jugend ihr fünfzigjähriges Jubiläum - mit fast 500 Teilnehmern auf einer großen Nacktgala in Karlsruhe. © Silke Kettelhake |
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