Unter Männern

zitty 2003

Ein Leben auf Montage – Kuscheln für moderne Wanderarbeiter: Monteurszimmer zu vermieten


















Alle Fotos © Silke Kettelhake

Frau W. vermietet seit über dreißig Jahren Betten unter in ihrer Dreizimmerwohnung im „Genossenblock“ oben in Berlin-Pankow. Vor der Wende an die Baubrigaden, die am Palast der Republik turnten, nach der Wende an Baukolonnen, die auf den Großbaustellen Berlins schuften. „Ich mach es jedem gemütlich.“, das ist ihr Motto. Aus jeder Ecke lugt Nippes hervor, vor den Fenstergirlanden steht Puppiges, viel zum Abstauben. Die rundliche Blondine in den späten Fünfzigern macht Geschäfte mit den Männern auf Montage. Durchreisende, Vertreter, Bauarbeiter, Menschen, die sich lieber nicht im Hotel mit ihren Passangaben eintragen, die kommen zu ihr. Manche schon seit Jahren. Frau W. liebt ihr Geschäft mit den umherziehenden Arbeitsnomaden mit Leib und Seele. Sie ist Subunternehmerin für Berlinzimmer.de, der größten Vermietungsagentur in Berlin. Berlinzimmer.de vermietet alles: Plattenbauten, Datschen, Wohnheime und eben Doppelbetten bei Schlummermutti.

In der DDR war doch nicht alles schlecht und Frau W. gerät ins Schwärmen: „Früher, das war wunderbar, viele Ausländer aus den sozialistischen Lagern saßen hier an meinem Wohnzimmertisch, komm lass uns mal einen Schnaps trinken, hieß es oft. Ich brauchte nie in die Gaststätte gehen, bei mir war immer was los. Mal eine Tomate oder eine Pfirsich von den Bulgaren, das gibt es heute gar nicht mehr.“

Die Dreifachbelastung als berufstätige Hausfrau und Mutter hat die professionelle Zimmervermieterin immer wieder zäh weggesteckt: „Ich war ja nur eine kleine Tippse im Haus des Reisens, meine beiden Mädchen musste ich allein großziehen.“ Mit den Ehemännern hatte sie kein Glück. Frau W.: „Alle haben mich komisch angeguckt, von wegen die ist nicht verheiratet und vermietet an fremde Männer. Ich stach raus.“ Das war und ist ihr egal. Sie wollte und sie will: Geld verdienen.

Die Wende auf der Couch

Heute sind die Zeiten härter geworden, die Monteure klingeln nicht mehr so häufig bei Frau W. Früher war sie oft froh über einen Mann im Haus, der ihr schon manchmal was repariert hat. Zärtlich streichelt Frau W. über das bestickte Sofakissen. Heute sei alles Geschäft. Das Vermieten werde immer schwieriger. Und die Konkurrenz ist groß. Ein Pool für Glücksritter? Tomas Kayser von Berlinzimmer.de hat so seine Akquisegeheimnisse, aber eins verrät er: „Ich spreche mich mit den Bauleuten ab und fahre durch die Stadt. Die Heimbetreiber sind interessiert an meiner Dienstleistung.“

Die Bautrupps schlafen inzwischen lieber im „Haus Julia“ von Berlinzimmer.de, einem Betonklotz aus den siebziger Jahren, am Beginn der langen trostlosen Koloniestraße gelegen, im Problembezirk Wedding. „Für Bauarbeiter gilt gut und billig“, so Tomas Kayser. Das florierende Unternehmen Berlinzimmer.de hat mit einem Raum sein Geschäft angefangen, zu Zeiten des großen Baubooms Anfang der neunziger Jahre. Tomas Kayser: „Da sind acht Quadratmeter, damit könnt ihr machen, was ihr wollt. Wie viele Bauarbeiter tatsächlich dort geschlafen haben, weiß ich gar nicht. War aber auf jeden Fall ein tolles Gefühl, einfach so im Monat 1000 Mark zu verdienen, nur dafür, dass ich anderen Menschen einen Schlafplatz vermittle.“

Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und zurück

Die Luft ist verraucht in der mit Fachwerk geschmückten Bar im „Haus Julia“. Männer in Jogginganzügen und Badelatschen lassen die Billiardkugeln schnackeln oder spielen elektronisches Darts. Alle Barhocker sind besetzt. Dass die blonde Bedienung oben ohne und im kurzen Röckchen sich zwischen den Tischen windet, das ist den Männern schon so gut wie egal: „Da kannste auch keine Bekanntschaften machen. Ist zwar was fürs Auge, aber irgendwie auch immer das Gleiche.“, sagt Andreas, Gerüstbauer aus Großenhain bei Dresden und tunkt seinen hängenden Schnäuzbart ins große Feierabendbier. Die Arbeit ist hart, der Tag war lang.

Andreas ist seit drei Jahren auf Montage. „Man muss dahin gehen, wo die Arbeit ist. Ich bin hier bis März, nächstes Jahr. Zuhause bleiben und warten, das hilft doch nichts.“ Was dann kommt, weiß er nicht. Auf jeden Fall will der gelernte Schlachter sich nicht als Versager fühlen. Fast unmöglich sei es, mit Freundin oder Familie zu leben, wenn man wie er und die anderen in der Woche pro Tag zehn bis vierzehn Stunden schuftet und am Wochenende müde auf der Couch sitzt. Andreas ist kein überzeugter Junggeselle, aber: „Die Arbeit ist ja nicht mehr vor der Tür. Das wird auch immer so bleiben. Da hab ich keine Hoffnung. Entweder du machst mit oder du kannst zu Hause bleiben und Däumchen drehen. Aussuchen kann man sich nichts.“ Andreas verbringt die Wochenenden bei seinen Eltern: „Das macht ein Mädel auf die Dauer nicht mit.“ Robert, ein Zimmergenosse: „Das Problem ist, wie lange kann man schaffen? Irgendwann kommen die körperlichen Probleme, mit dem Rücken.“ Andreas und sein Kumpel rüsten das Olympiastadion ein. Knochenarbeit auf Zeit.

Am Freitagnachmittag freuen sich alle, nach vier Stunden Fahrt im Kleinbus mit den beschlagenen Scheiben sind sie endlich daheim im Umkreis von Dresden. Schlafen, essen, Wäsche waschen. Montagnacht um halb drei geht´s wieder los, auf die Baustellen Berlins. Kayser kommentiert: „Die Bedingungen der Arbeit unter Preisdruck sind teilweise unmenschlich. Manchmal beginnen die Bauarbeiter schon um sechs, meistens aber um sieben. Aufwachen im Etagenbett, waschen im Gemeinschaftsbad, da stehen schon zwanzig Kollegen, dann geht´s ab in die Bahn oder den Bus. Oft beträgt die Fahrzeit eine Stunde, dann zehn bis zwölf Stunden ackern auf dem Bau. Da wartet der Polier mit Anweisungen. Die packen da wieder an, wo sie abends aufgehört haben, auch im Schichtdienst manchmal die Nächte durch. Die Arbeit ist kein Zuckerschlecken. Aber es gibt nun mal ein wirtschaftliches Interesse, der eigenen Armut zu entfliehen.“ Und der Vermietungsservice brummt.


© Silke Kettelhake


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